Ein Tag im Leben des Achterwasserfischers Mario Schätzchen

Von fetten Aalen und verirrten Goldfischen

Das Achterwasser liegt wie ein Spiegel. Blitzeblank funkelt darin die Morgensonne. Der Tag eines Fischers fängt früh an.

„Um 6 Uhr geht es in der Regel raus aufs Wasser“, erzählt Mario Schätzchen. Er ist Achterwasserfischer aus Leidenschaft. Und das schon in der vierten Generation. Sein Vater, sein Großvater – sie alle haben von dem gelebt, was das Achterwasser und der Peenestrom an Köstlichkeiten hergibt. Solange Mario sich erinnern kann, wollte er immer Fischer werden. Schon als kleiner Steppke war er mit seinem Vater nach der Schule rausgefahren. Damals hatten sie noch einen Fischkutter aus Holz. „Aber die sind heute im Unterhalt kaum noch zu bezahlen“, sagt der Zempiner.

Nun steht er in aller Herrgottsfrühe hinten am Heck seines dänischen Sanders 550 und steuert das Kunststoffboot in Richtung Insel Görmitz. Leise tuckert es über das stille Wasser, während es sich gemächlich aus der kleinen Hafeneinfahrt von Zempin auf das Achterwasser hinausschiebt. Dann dreht Mario den Motor auf. Mit der Kraft der vollen 40 PS bäumt sich die kleine Plastikschale vorne auf und saust spritzend hinüber zum Schilfgürtel der kleinen Insel. Hier befindet sich Schätzchens Revier. Hier hat er an langen Staken, an dessen Enden schwarze Fähnchen in der lauen Brise baumeln, seine Aalreusen gesetzt. „Die normalen Netze, mit denen wir fischen, haben rote Fähnchen“, erklärt der Experte. „Aalreusen dagegen haben schwarze.“

 

Reuse für Reuse hievt er ins Boot und puhlt die wenigen Aale und Fische heraus, die sich darin verfangen haben. Insgesamt sind es 40 Reusen, die er bei jeder Ausfahrt kontrolliert. Drei Wochen bleiben sie im Wasser. Dann holt Mario sie raus und lässt sie in der Sonne trocknen. „Sie sind aus Perlon und trocknen schnell. Die Algen fallen dann einfach ab“, erklärt er. Mario fängt alles, was das Achterwasser hergibt: Lachs, Lachsforellen, Barsche, von denen es immer weniger gebe, Hecht oder Zander. Und eben Aal.

Sein Vater habe noch mit großen Reusen gefangen. Da seien manchmal bis zu 500 Aale drin gewesen. Heute ist Mario froh, wenn sich die Wanne im Boot einigermaßen füllt. Stattdessen holt er so manch Kuriosität aus dem Wasser. Wollhandkrabben zum Beispiel. Die wurden ursprünglich aus China nach Europa eingeschleppt. Einen Goldfisch hatte er auch schon im Netz. „Der muss sich wohl verirrt haben“, scherzt er. Zu kleine und zu große Aale entlässt Mario wieder zurück ins Achterwasser. „Wenn sie zu dick sind, sind sie nicht gut. Dann sind sie zu fettig. Die Besten sind daumendick“, weiß er.

Mario ist der letzte hauptberufliche Achterwasserfischer in dem kleinen Bernsteinbad. „In zehn Jahren wird es keine Fischer mehr geben“, resümiert der 55-Jährige traurig. Niemand wolle heute noch solch einen Knochenjob erlernen. Für Mario allerdings ist es der schönste Beruf der Welt. Und er hat vor, mindestens bis zur Rente durchzuhalten. „Die Ruhe auf dem Wasser. Mitten in der Natur sein. Es gibt nichts Beruhigenderes“, schwärmt er, dreht das Boot und steuert es nach getaner Arbeit wieder in Richtung Zempiner Hafen.

Nach dem Anladen und Ausladen ist aber noch längst nicht Feierabend. Jetzt beginnt die Arbeit erst richtig. Mario Schätzchen muss seinen Fang säubern und auf lange Stangen aufpieken. Zwei Stunden dauert das, bevor er sie schließlich in den Räucherofen hängt. Zuvor werden die Fische noch kurz abgebrüht. Bis zu 100 Kilogramm passen in seinen Räucherofen. Gebaut hat den sein Vater. „Alte Öfen räuchern eben besonders gut. Ein schönes Erbstück“, schwärmt er. Eine dreiviertel Stunde bleiben die Aale, Lachsforellen, Barsche und Buttermakrelen im 60 Grad heißen Buchen- und Erlenrauch hängen. „Das ist die schönste Zeit des Tages. Dann kann ich mich mal hinsetzen und durchatmen“, erzählt er.

Derweil brät seine Freundin die legendären Fischbouletten und belegt die Fischbrötchen für den Kiosk vor. „So ein Fischverkauf ist Teamarbeit. Anders geht es nicht“, weiß Mario. An manchen Tagen steht seine Freundin bis ein Uhr nachts in der Küche und bereitet vor. „Aber die Leute, die von unseren Fischbrötchen und Fischen schwärmen, danken es uns“, freut er sich. Manchmal wetten die beiden sogar, wer von ihnen mehr Fisch verkauft – sie im Kiosk oder er aus dem Räucherofen. Schätzchen lacht und schwelgt in alten Geschichten. Von seinem Vater und den vielen Prominenten, die bei den Schätzchens schon ein- und ausgegangen seien. Und wenn der Winter kommt, habe auch er mal ein bisschen Ruhe. Dann hätten sie mal Zeit, am Strand spazieren zu gehen.

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