Eine Rundtour mit der Ückeritzer Personenschifffahrt - Die entspannteste Art, die Insel zu entdecken

Leinen los und ab ins Glück geschaukelt

Die Schiffsschraube am Heck der „MS Jessica“ pflügt geräuschvoll durch das Wasser der flachen Hafeneinfahrt von Stagnieß. Es riecht nach Diesel und Brackwasser.

Gemächlich tuckert die 27 Meter lange, weiße Dame an den hölzernen Spundwänden vorbei aufs Achterwasser hinaus. Draußen auf der Mole sitzt ein stattlicher Seeadler und beäugt das Ausflugsschiff neugierig. Erst im letzten Moment hebt er sich majestätisch in die Luft und segelt in Richtung Schilfgürtel davon. Das Oberdeck ist gut besetzt. Kein Wunder! Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite. Strahlend blauer Himmel und Sonne satt. „Wir haben gerade ein Bierchen bestellt“, freut sich Gerald Müller aus Sachsen. „Wir wollen ja nicht verdursten.“ Mit der Hand deutet er auf einen großen Segelschoner, der fast gleichauf an steuerbord – das ist rechts vom Schiff – lautlos an der „MS Jessica“ vorübergleitet. In ausführlichen Worten beschreibt er seiner Frau den Aufbau der Segel. Die nickt lächelnd: „Er ist früher zur See gefahren.“ Unter der Bank schlummert friedlich ein großer Berner Senne - denn bei den Wolfs von der Ückeritzer Personenschifffahrt dürfen auch Hunde das Seefahrtvergnügen miterleben.

Aus dem Lautsprecher ertönt die etwas blecherne Stimme von Rene Borchwardt, dem Kapitän der „MS Jessica“. Von ihm erfahren die Gäste etwas über Land und Leute. Über den Teufelsstein zum Beispiel, den besagter Kirchenerzfeind aus Wut auf das Kloster Pudagla geworfen und verfehlt hatte und der heute in der kleinen Achterwasserbucht ganz in der Nähe des mittelalterlichen Dorfes aus dem Wasser ragt. Auch über den Nepperminer See, in den die „MS Jessica“ gerade einbiegt, und die beiden Vogelschutzinseln Böhmke und Werder weiß der Schiffsführer Geschichten und jede Menge Naturwissen zu berichten. Seit 2012 gehört der gebürtige Heringsdorfer zur Crew des Familienbetriebes der Wolfs. Für Borchwardt ein Traumberuf. Denn für den Wassermann gehört das Wasser und die Natur zu einem glücklichen Leben einfach dazu. Selbst wenn er eines Tages in Rente geht, will er dem Wasser und den Wolfs treu bleiben.

Mit zwei Ausflugsschiffen verhilft die Ückeritzer Personenschifffahrt Entspannungshungrigen und Inselliebhabern zu einem Perspektivwechsel der etwas anderen Art. Usedom vom Wasser aus kennenzulernen, das heißt, viele, kleine Buchten, Steilhänge und dichte Schilfgürtel, in denen unzählige Vogelarten zu Hause sind. Immer wieder fliegen aufgescheuchte Reiher und Seevögel vor dem Bug des Schiffes auf, kreisen neugierig über das Oberdeck und lassen sich dann auf einem abgestorbenen Baum oder der sanft schaukelnden Wasseroberfläche nieder. „Die Natur hier draußen ist einfach unglaublich schön“, schwärmt Borchwardt. Mit Stolz erzählt er, dass es auf Usedom inzwischen 31 Adlerpaare gibt.

Zweimal am Tag – um 11 und um 14 Uhr – schippert er im Sommer mit Gästen über das Achterwasser. Wohin? „Immer dorthin, worauf ich Lust habe und wie die Windverhältnisse sind“, antwortet er. Er liebt die ursprüngliche Landschaft des Nepperminer Sees, aber auch die urige Krumminer Wieck oder den Lieper Winkel. Die „MS Jessica“ hat keinen Kiel - gerade einmal 1,40 Meter Tiefgang. Ideal für die Fahrt auf dem an manchen Stellen nur knapp 2 Meter tiefen Achterwasser. Als die Familie Wolf das Schiff 2004 erwarb, hieß es noch FGS „Nordfriesland“. „Kein schöner Name“, sagt Ines Wolf, die an diesem wunderschönen Nachmittag für ihren Mann auf der Jessica einspringt. „Normalerweise mache ich die Buchhaltung. Aber ab und an bin ich auch auf einem der beiden Schiffe im Einsatz. Ich steuere allerdings nur im Notfall.“

Während der rund zweistündigen Achterwasserrundfahrt ist Ines zuständig für das Bordrestaurant. Ein Fitnessstudio brauche sie nicht. „Ich komme beim Bedienen der Gäste auf meine Schritte“, lacht sie. Ein Tablet voller Kaffee und Kuchen und so manch erfrischendem Bier ums andere trägt sie vom Unterdeck an die Achterwasserluft. Die Gäste seien heute bestens gelaunt, freut sie sich kurz und verschwindet wieder unter Deck, die nächste Bestellung abholen.

Ein besonderes Erlebnis ist in der Hochsaison jeden Mittwoch die dreistündige Mondscheinfahrt übers Achterwasser in Richtung Krumminer Wieck mit viel Seemannsgarn und Schifferklaviermusik. „Die ist immer gut gebucht“, sagt Ines Wolf. Sehr gemütlich und immer stimmungsvoll gehe es dabei zu. Auch Rene Borchwardt liebt die Abendtouren. „Das Licht und die Farben sind dann unglaublich schön. Vor allem zum Sonnenuntergang“, schwärmt er.

Im Funkgerät knackt es kurz und die Stimme von Jane Bothe, der Kapitänin des Segelschiffes Weiße Düne, ist zu hören. Sie warnt vor herrenlosen Fischernetzen, die in der Fahrrinne treiben. Die können gefährlich für die Schiffsschraube werden, warnt Rene Borchwardt. „Eines habe ich schon aufgenommen“, tönt es aus dem kleinen Lautsprecher neben dem großen Steuerrad. Etwas Schlimmes sei zum Glück noch nie passiert, erzählt der Schiffsführer: „Ein paar verirrte Robben. Aber sonst nichts Aufregendes.“ Er nimmt das Fernglas, das an einem Haken an der Wand hängt, und schweift über die Wasseroberfläche. „Nichts, außer den schwarzen Fähnchen der Aalfangnetze “, zuckt er mit den Schultern.

Bevor die Jessica auslaufen kann, sind die Wolfs und ihr Schiffsführer vor jeder Tour schon mindestens eine Stunde an Bord und bereiten alles für die bis zu 240 Gäste vor. Kaffee kochen, Kuchen, Wiener und Kartoffelsalat vorbereiten und die Maschinen und den Diesel checken. So ein Schiffstank fasst locker 3000 Liter. Ihren Topspeed erreicht die „MS Jessica“ bei 8,3 Knoten. Das sind knapp 15 km/h. „Aber so schnell fahren wir selten. Eher gemächliche 6 Knoten. Das soll hier ja nicht in Hektik ausarten“, lacht der Kapitän.

Ines Wolf erzählt von den Seebestattungen, die die Wolfs ebenfalls anbieten: „Es werden immer mehr.“ Für viele ist es offenbar eine schöne Vorstellung, einmal mit dem Meer verbunden zu sein oder ihre Lieben auf See zu verabschieden. Im Achterwasser, im Peenestrom und im Greifswalder Bodden gebe es Bestattungsorte. Zweimal im Jahr können Angehörige sie bei Gedenkfahrten besuchen.

Die Sonne kitzelt auf der Nasenspitze. Auf dem Tisch steht ein duftender Kaffee. Entspannter kann man einen Sonnentag nicht verbringen, als mit gemütlichen 6 Knoten, über das Achterwasser zu schippern.

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