Sex on the Beach oder lieber Swimmingpool? Für Hendryk Schimansky ist es weder das eine noch das andere. Der Leiter des gastronomischen Bereichs im Forsthaus Damerow und leidenschaftliche Bartender liebt es experimentierfreudiger. Die Neuinterpretation der großen Klassiker wie des Hanky Panky, Manhattan oder Gin Fizz sind eher seins. Hier kennt er sich bestens aus. Denn er hat sich mit Haut und Haaren der Balance zwischen Alkohol, Säure und Süße verschrieben.
Dabei ist die Leidenschaft für Cocktails bei Hendryk Schimansky noch gar nicht so alt. Seine erste Liebe galt schon seit seiner Jugend vielmehr den hochprozentigen, schottischen Tropfen. Seit er mit 14 Jahren die Kriminalromane des Autors Gert Prokop gelesen hatte, war in ihm der Wunsch geweckt, sich eines Tages, natürlich wenn er alt genug dafür ist, so wie sein Lieblingsdetektiv Truckle, den einen oder anderen Whisky zu gönnen. Aus dem Wunsch wurde seine Berufung und sein Beruf. Seit 14 Jahren gehört er schon zum Team im Forsthaus Damerow und kann sich in dessen Bar vollends ausleben. Kein Wunder also, dass sie derzeit zu den am besten ausgestatteten Whisky-Bars auf der Insel zählt. Etwa 80 Whiskysorten hat sie im Sortiment. Darunter echte Raritäten.
Im Jahre 2022 trat dann die zweite Liebe in Hendryk Schimanskys Leben: Cocktails. Er war in die Schweizer Brennerei Humbel eingeladen worden. Um die neuesten Brandkreationen bekannt zu machen, veranstaltet die Brennerei alljährlich eine Cocktail Competition, The Humbel's Stork-Trophy. „Ich hatte eine große Klappe und meinte, das kann ich auch“, lacht der 58-Jährige. Ein bisschen ging ihm nach seiner Behauptung dann aber doch die Muffe. Doch solch eine Herausforderung ist genau sein Ding. Der Damerower Barchef hing sich richtig rein, las Unmengen an Literatur über Cocktails, übte das Shaken sogar vor dem heimischen Spiegel. Aus der Black Box, die jeder Teilnehmer zu Beginn der Competition gestellt bekam, zauberte er eine Variation des klassischen Hanky Panky Twists und nannte ihn Apple Deern. Ganz nach seiner plattdeutschen Heimat. Und das Gesamtkunstwerk aus Mixgetränk, Perfomance und Story überzeugte. Mit seiner Kreation wurde er glatt Zweiter „Zu einem guten Cocktail gehört eben auch immer eine gute Geschichte“, weiß Schimansky. Aber er gibt zu, vor so vielen Profis ordentlich aufgeregt gewesen zu sein.
Von da an hatte es ihn gepackt, das Cocktailfieber. Wo immer in Europa ein großer Cocktail-Wettbewerb stattfindet, versucht er dabei zu sein. Und fast immer schafft er es in die Finals. In diesem Jahr war er schon bei der Bols Cocktail Battle im Europa Park. „Das Thema war dieses Mal ,Neon Nights‘. Da kann man sich vorstellen, dass die Getränke in allen möglichen Farben geleuchtet haben.“
Seit seinem fulminanten Einstieg in die Cocktail-Welt entwickelte Hendryk Schimansky seine Cocktails immer weiter, erfand neue Rezepturen auch mit außergewöhnlichen heimischen Geschmackszusätzen. So gehört ein Sud aus Roter Bete aus seinem eigenen Garten oder eine Infusion aus Kaffeesatz oder Tee inzwischen ebenso zu den Inhaltstoffen seiner Mixgetränke wie die Spirituosen von Gin bis Vodka. „Die unterschiedlichen, vor allem auch regionalen Aromen herauszukitzeln und miteinander harmonisch zu kombinieren, macht mir unglaublichen Spaß“, erzählt er.
Die Inspiration für die Drinks mit den unkonventionellen Zutaten bekommt er oft aus der Küche des Hotels: „Da werden für Soßen Infusionen gewonnen. Warum sollte man Tamarinde oder Ingwer dann nicht mal in einem Cocktail verwenden?“ Auch auf seinem täglichen Arbeitsweg von Greifswald nach Koserow kommen ihm immer wieder neue Ideen, die er, kaum angekommen, gleich ausprobieren möchte. Doch bevor er an den Tresen kann, heißt es für den F&B-Manager erstmal Büroarbeit – Bestellungen machen, Dienst- und Schichtpläne schreiben und den laufenden Betrieb im Restaurant organisieren. Hinters sogenannte Brett kommt er meist erst gegen Abend. Aber dort ist er in seinem Element. Dann wird er zum Entertainer, der so manch spannende oder skurrile Geschichten in petto hat. An seinem Tresen wird es nie langweilig.
Die Cocktailkarte der Forsthausbar ist von ihm selbst kreiert. Selten stehen dort die 0815-Kreationen wie Piña Colada und Co drauf. Auch wenn er diese natürlich auf Wunsch ebenfalls in süffigster Art zusammenmixt. Jeder Gast sei da unterschiedlich: „Die einen lieben es klassisch, die anderen lieben es, zu experimentieren und sich überraschen zu lassen.“ Er fragt seine Gäste gern nach deren Geschmacksvorlieben und kredenzt ihnen dann eine Eigenkreation. Und die hat es meist in sich. Geschmacklich und inhaltlich.
In diesem Sommer seien vor allem Spritz-Mixes in. „Aperol, Sati, Ramazzotti Rosato oder Limão Fizz sind bei den Temperaturen leicht und erfrischend. Das mögen viele“, sagt er. Auch klare Cocktails, bei denen sich die Aromen erst beim Trinken entfalten, sind derzeit sehr angesagt. Im Winter dagegen gingen Whisky-Drinks wie Manhattan oder Old Fashioned besser. Schimanskys Lieblingscocktail allerdings steht selten auf einer Karte: ein „Naked and Famous“ aus den 2010er Jahren. Er besteht zu gleichen Teilen aus Mezcal, Chartreuse, Aperol und frischem Limettensaft. „Einer zu viel und du tanzt nackig auf dem Tisch“, lacht er. Als Sundowner ist er allerdings ein ideales Getränk, einen schönen Tag ausklingen zu lassen. Wenn ihm das gelingt, fährt er mit einem zufriedenen Gefühl nach Hause.
Wer übrigens seinen Sundowner mit dem echten Sonnenuntergang kombinieren möchte, der kann sich auf der Koserower Seebrücke einen solchen auch an Oscars‘s Ape mixen lassen. Romantischer geht’s dann nicht mehr.
Text: Sandra Grüning – Textwerkstatt Küstenkind
Fotos: Henry Böhm – Usedomgalerie